Lieber Benedikt J.,
Ihr Analyseleitfaden ist so perfekt, dass ich mir erlaube, diesen allen zugänglich zu machen.
1. Einführung
Einleitung
ñ Die allgemeine Einleitung sollte möglichst kurz gehalten werden.
ñ Die Einleitung muss sieben Punkte enthalten:
→ Titel des Werkes (Pierrot Lunaire)
→ Nummer und Untertitel auch nennen!
→ Komponist (mit Vor- und Nachname!)
→ Falls vorhanden: Text und Verfasser des Textes erwähnen.
→ Tonart (bei Pierrot Lunaire-> Atonal)
→ Taktart
→ Länge des Werkes in Takten
→ Tempo bestimmen (z.B. Viertel = 144) (ev. Auch Tempowechsel angeben)
→ Besetzung des Werkes (Instrumente und Rezitationsstimme).
→ Falls angegeben: Erscheinungsjahr und Erscheinungsart (z. B. in einer
Sammlung von Stücken des Komponisten...)
Einteilung in Abschnitte
ñ Das gesamte Werk muss in Abschnitte eingeteilt werden. Dabei ist es unerheblich, ob eine Detail- oder Übersichtsanalyse durchgeführt wird.
ñ Einteilung kann in tabellarischer Form stattfinden (schriftliche Erklärung ist nicht nötig)
ñ Falls keine Einteilung möglich → dies formulieren!
Achtung: → Nicht in zu viele Abschnitte aufteilen!
→ Bei Pierrot Lunaire meistens drei Abschnitte, da jedes Gedicht drei Strophen hat!
→ Nicht zulange mit dieser Einteilung aufhalten!
Texterläuterung/-interpretation
ñ Kurze Zusammenfassung des Textes des (1-2 Sätze)
ñ Kurze Interpretation des Textes (1-2 Sätze)
2. Analyse und Interpretation
Allgemein
ñ Analyse und Interpretation werden in einem „Stück“ gemacht. Das bedeutet, dass beispielsweise erst ein Takt analysiert und dann der Analyse sofort eine Interpretation zugeordnet wird.
Motivbestimmung und -beschreibung
ñ Diese ist für die gesamte Analyse und Interpretation grundlegend!
ñ Es ist wichtig, dass die Motive gründlich beschrieben und analysiert werden.
ñ Man kann ein Werk entweder nur in Motive einteilen, oder in Themen und Motive. Ein Thema ist die höher geordnete Einheit: d.h. Ein Thema hat bspw. zwei Motive.
Arbeitsanweisung:
ñ Motive festlegen und benennen (genaue Angabe des Anfangs und des Endes)
ñ Folgende Aspekte müssen beschrieben werden: Länge (Anfang, Ende), Intervalle beschreiben (mit Tonhöhe: Anfangs und Endton), Rhythmusstruktur (Notenwerte), Klangfarbe
ñ Kurze Interpretation des Motives: wie wirkt es, welche Aussage, usw. → kann auch während der Intervall- oder Rhythmusstrukturbestimmung durchgeführt werden.
Analyse und Interpretation
Allgemein
ñ Bei einer Detailanalyse muss jeder Ton, von jeder Stimme, in jedem einzelnen Takt beschrieben, analysiert und interpretiert werden. In manchen Fällen ist hierfür eine oberflächliche Betrachtung ausreichend, jedoch darf nichts ausgelassen werden.
Vorgehensweise
ñ Vorbereitung: Schauen, ob transponiert werden muss (ob Instrumente vorhanden sind, die auf einem anderen Ton als auf dem C beruhen). Dies in der folgenden Analyse beachten! Grundsätzlich: Chronologisch vorgehen und keine Stimmen überspringen.
ñ Startpunkt ist der Anfang. Falls im ersten, zu analysierenden Takt in einer Stimme ein Motiv gespielt wird → mit dieser Stimme beginnen
ñ Danach: Andere Stimmen dieses Taktes analysieren und interpretieren. Eventuell ist auch eine anachronistische Vorgehensweise angebracht.
ñ Fazit ziehen: Am Ende der Analyse/Interpretation sollte ein Fazit stehen, dass die Erkenntnisse der Analyse nocheinmal zusammefasst und ein Resumee zieht.
Auf folgende Aspekte die Stimmen hin untersuchen
ñ Motive (auch in Sequenzierung, Imitation, Kanon, Diminution, Augmentation, Krebs, Umkehrung usw.)
ñ außergewöhnliche Intervalle und Akkorde (große Septimen, Tritonus usw.) einordnen, analysieren und interpretieren.
ñ Jeden einzelnen Ton bschreiben und einorden → wenn möglich auch interpretieren (im Zusammenhang
ñ Rhythmusstruktur (genauer Rhythmus, Wiederholungen im Rhythmus, Hält sich der Rhythmus an den Sprechrhythmus? → auch Diminution oder Augmentation möglich)
ñ Klangfarbe bestimmen und zuordnen (vor allem wichtig für Interpretation)
ñ Die Analyse der Töne sollte in der Interpretation mit der Aussage des Textes vereint/in Zusammenhang gebracht werden.
Merke: → Wenn ein Phänomen (bestimmter Rhythmus, Tonabfolge etc.) mehrmals auftritt, kann man sich beim zweiten Mal auf die erste Stelle beziehen (wie bei Motiven).
→ Abweichungen von jeglicher „Norm“ immer interpretieren.
Zu Beachten
ñ Analyse und Interpretation dürfen keine Unsicherheit vermitteln → müssen überzeugend klingen und gut begründet sein.
ñ Intervalle oder Tonbeschreibungen nie auflisten, sondern immer im Zusammenhang beschreiben und analysieren!
ñ Auch formulieren wenn „Stimmung“ und Text nicht zusammenpassen.
Häufige Fehler
ñ „Das Motiv A wird in Takt X, um eine Terz nach oben sequenziert, wiederholt“ → Der Begriff Wiederholung ist ein Fachbegriff und bedeutet, dass das gleiche Motiv in der gleichen Stimme auf der gleichen Tonhöhe wiederholt wird. Wiederholung und gleichzeitige Sequenzierung sind ein Widerspruch.
ñ „Es wird langsamer/schneller“ oder „Die Notenwerte werden langsamer/schneller“ → Richtig ist: „Die Notenwerte werden kleiner/größer, daraus entsteht ….. Eindruck/usw.“
3. Wissenswertes Außenrum
Vorzeichen
ñ B (als Vorzeichen) machen grundsätzlich einen „abwätsgeneigten und dunklen“ Eindruck.
ñ Vorzeichen von transponierenden Instrumenten checken → diese Töne umdenken! → vor allem wichtig bei Bestimmung von Sequenzierungen etc.
Sequenzierung
ñ Häufig treten Motive in sequenzierter Form wieder auf.
ñ Auch die Intervalle der verschiedenen Sequenzstufen (um eine Terz nach oben sequenziert) sollten untersucht werden. Haben eventuell etwas mit Motiven zu tun bzw. lassen sich interpretieren.
ñ Bei der Bestimmung von Sequenzen ist es wichtig darauf zu achten, ob es um eine „Sekunde“ oder um eine „None“ sequenziert wurde (vorallem zwischen den Stimmen sind solche Oktavsprünge häufig). Wenn die Sequenz über einer Oktave liegt, kann dies bei der Angabe so gesagt werden (z.B. sequenzierung um eine Oktave und eine Quart nach oben).
Achtung: Niemals Sequenzierung mit Wiederholung verbinden (Wiederholung ist ein Fachbegriff → Wiedergebung auf der gleichen Tonstufe)
Die verschiedenen Stimmen
ñ Die Rezitationsstimme
Die Rezitationsstimme bei Pierrot Lunaire rezitiert den vorgegebenen Text basierend auf verschiedenen Noten. Diese Noten sollen jedoch in keinem Fall gesungen, sondern in einer Art Sprach-Gesang rezitativisch wiedergegeben werden. Wichtig für die Analyse: Die genauen Tonhöhen der Noten der Rezitationsstimme dürfen kein Gegenstand der Analyse sein.
→ man kann lediglich Tendenzen (starke Aufwärtsbewegung, gleichbleibende Rezitationshöhe usw.) miteinbeziehen.
→ Auch Rhythmus der Rezitationsstimme sollte in Analyse miteinbezogen werden!
→ Die Rezitationsstimme ist grundsätzlich dominanter als Gesang (könnte für Interpretation interessant sein:))
ñ Die Bassklarinette
Klingt eine Oktave tiefer als aufgeschrieben.
Offene Fragen:
ñ Bezeichne ich das Musikwerk als „Werk“, „Stück“ oder „Lied“? – Antwort: „Lied“ eher nicht, da das ein eigener Gattungsbegriff ist, der hier nicht wirklich erfüllt wird. Werk, Stück, Komposition sind okay.
ñ In der Einleitung schon Tempowechsel im Stück benennen? Wenn zwischendrin ein ganz neues Tempo kommt: ja. Wenn es lediglich ritardando und a tempo ist: nein
ñ Wie genau soll man die Tempoangabe in der Einleitung formulieren? Stimmt: „Das vorgegebene Tempo beträgt Viertel=144“ oder „Das vorliegende Werk ist in einem schnellen Tempo geschrieben (Viertel=144)“. Geht beides? Andere Varianten? Antwort: beides okay.
Benedikt Jordan, 6. Dezember 2012