Philipps Handout:
Arvo Pärt
Arvo Pärt ist ein zeitgenössischer Komponist und zählt zu den bedeutendsten lebenden Komponisten neuer und religiöser Musik. Seine Musik ist nicht nur in seinem Heimatland Estland bekannt, sondern auch in West-Europa und Amerika.
Pärt durchwandert/hat mehrere Schaffensperioden, durchlebt eine schöpferische Krise und kommt „neugeboren“ mit seinem eigenen persönlichen Stil zurück, den er bis heute noch benutzt: Er nennt ihn den „Tintinnabuli Stil“.
Arvo Pärt: " Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt."
Arvo Pärt wurde am 11. September 1935 in Estland geboren und besuchte die Kompositionsklasse von Heino Eller. Durch Pärts Arbeit als Tonmeister beim Estnischen Rundfunk, kam er sowohl täglich in Kontakt mit der heimischen, musikalischen Praxis als auch mit der aktuellen musikalischen Entwicklung des Westens.
Pärt komponierte zunächst mit neoklassizistischer Klaviermusik, die besonders von Schostakowitsch, Prokofjew und Bartok beeinflusst wurde. In seiner ersten Schaffensperiode entstanden Werke mit allen wichtigen Kompositionstechniken der Avantgarde, wie Dodekaphonie (12-Tontechnik), Klangflächenkomposition, Aleatorik und Collage-Technik.
Durch die zunehmende Anerkennung seiner Musik durch den Westen, warfen die Behörden ihm “westliche Dekadenz” vor.In seinen Collage-Werken stehen sich avantgardistische und alte Musik schroff und unversöhnlich gegenüber. Pärt kombiniert also moderne Abschnitte mit direkten Zitaten oder Stilkopien aus alter Musik und stellt diese mittels einer Konfrontation gegenüber. Dabei benutzt er oft die barocke Musik Bachs.
In „Credo“ (1968), mit dem er einen erneuten Skandal bei der Uraufführung verursacht, da die Behörden sich über die christlichen Texte des Glaubensbekenntnisses empören, geht er mit der „krassen“ Gegenüberstellung neuer und alter Musik bis ans Äußerste.
Der Triumpf der alten Musikzitate über Pärts Avantgarde im Credo stellt einen entscheidenden Wendepunkt dar. Pärt stellt nun alles in Frage und erachtet sein bisheriges musikalisches Wirken als sinnlos. In dieser Zeit verfällt Pärt in eine schöpferische Krise undmusste“wieder neu gehen lernen”wie er selbst sagte (Pärt).
Acht lange Jahre zieht er sich zurück und verstummt musikalisch. Er sehnt sich nach einer eigenen Stimme (Sprache) in der Musik.
In diesem Zeitraum befasst er sich intensiv mit Spiritualität, konvertiert zur russisch-orthodoxen Kirche und fängt an nach der eigenen Identität und einem höheren Sinn zu suchen. Auf der Suche nach einer neuen musikalischen Sprache setzte er sich mit dem Gregorianischen Choral, der Schule von Notre Dame und der klassischen Vokalpolyphonie auseinander. Pärts intensives Studium dieser Epochen prägte sein neues Musikverständnis, was am besten in einem Zitat aus dieser Zeit deutlich wird: “... hinter der Kunst, zwei, drei Töne miteinander zu verbinden, liegt ein kosmisches Geheimnis verborgen.”
Nach den acht Jahren der „Stille“ tritt Arvo Pärt, musikalisch neugeboren, mit seinem Klavierstück, „Für Alina“ (1976)zurück in die Öffentlichkeit.In der schöpferischen Krise hatte Pärt seine eigene Stimme gefunden. Er selbst nannte diese Technik „Tintinnabuli“ (lateinisch „Glöckchen“).
Diese glockenartige Musik ist sehr beruhigend und gefühlvoll aber auch sehr streng mathematisch durchdacht und streng nach den Regeln komponiert. Pärt legt besonderen Wert auf Intonation und die Klarheit der Klangfarben, um klangliche Vollkommenheit zu schaffen. Dies erreicht er mittels der Technik, das Klangmaterial auf das Notwendige zu beschränken. Dadurch, dass die Diatonik in der Melodiestimme einer strengen Funktionsharmonik zugrunde liegt, kann man den „Tintinnabuli“ weder als tonal, noch als atonal zu bezeichnen. Der Kern des Stils liegt in einem „Zweiklang“. Zwei Stimmen spielen zusammen eine wichtige Rolle. Die eine besteht aus einem Dur-oder Moll-Dreiklang, die andere ist die Melodiestimme. Diese beiden Stimmen sind nach genauen Regeln miteinander verknüpft.
"Musik“, sagte Pärt, "... muss durch sich selbst existieren ... Das Geheimnis muss da sein, unabhängig von jedem Instrument. ... Der höchste Wert der Musik liegt jenseits ihrer Klangfarbe.“
„Fratres“(1977,1980)
Analyse von Fratres (lat. Brüder) für Violine und Klavier.
Das Werk lässt sich in 9 Teile gliedern und die Melodiestimmen basieren auf einer harmonischen d-Moll Tonleiter. Die Klavierstimme hat im gesamten Stück die gleiche Rhythmusstruktur. Die Struktur in der 1. Klavierstimme ist folgendermaßen aufgebaut:
7/4 cis,b,d,cis 9/4 cis,b,a,e,d,cis 11/4 cis,b,d,g,f,e,d,cis
Die 1. Klavierstimme hat immer nach der Hälfte eines Abschnittes einen Melodischen Krebs. Besonders auffallend ist die gleichmäßig wechselnde Taktzahl von 7/4, 9/4,11/4. Die 1. und 3. Klavierstimme beginnt immer im nächsten Abschnitt mit einer Terz tiefer, wie in dem vorigen Abschnitt. Diese Terzschritte sind die Töne der harmonischen d-Moll Tonleiter.In der 4. und 5. Klavierstimme bleibt der Bordunbass auf einem a und e liegen. Die 2. Klavierstimme hat Akkordbrechungen von A-Moll. Die Geige spielt (Drei-)Klang-Brechungen, der Klänge, die in dem Klavier über dem Bordunbass gespielt werden. An einer Stelle spielt die Geige sogar Klang-Brechungen aus dem Bordunbass. An vielen Stellen verläuft die Geige in Dezimeparallelen zur einzelnen Klavierstimmen.
Quellenangabe:
http://www.universaledition.com/komponisten-und-werke/komponist/534
http://de.wikipedia.org/wiki/Arvo_P%C3%A4rt
Eichner, Engelbert: Der Komponist Arvo Pärt - Ausgewählte ästhetische Positionen. Diplomarbeit, 1999
Kautny, Oliver: Arvo Pärt zwischen Ost und West, 2002
http://brage.bibsys.no/hia/retrieve/5499/Oppgave%20Rade%20Zivanovic.pdf