Rebecca schreibt:
Die Rekonstruktion von Musik aus dem Frühmittelalter ist sehr schwierig, weil die
Menschen damals noch keine Notenschrift kannten. Die Lieder wurden über
Generationen weitergegeben und immer wieder verändert. Später wurden sie dann in
der veränderten Form aufgeschrieben, was uns nich wirklich einen Einblick in die Musik
davor ermöglicht. Alle Liedtexte waren in Latein. Es war die Sprache, in der bis
Ende der 60-er Jahre alles Kirchliche geschrieben, gesprochen und gesungen
wurde. Erst seit 1969 dürfen katholische Messen auch in anderen
Sprachen gelesen. Die Kirchenmusik ist in der Romanik streng einstimmig gewesen. Diese
einstimmigen Choräle nennt man auch die gregorianischen Choräle (Gregorianik).
Der Name kommt von Papst Gregor dem Großen (540-604), der 590 bis 604 regierte (=Papst war).
In bildlichen Darstellungen wird er immer am Schreibtisch sitzend
mit einer Feder in der Hand und einer weißen Taube (dem Heiligen Geist) auf der
Schulter dargestellt, die weiße Taube singt ihm Melodien ins Ohr, die er dann
aufschreibt. Dabei weiß man, dass er selbst nichts komponiert hat. Die einzelnen
Kirchen hatten ihre eigenen, regionalen Traditionen und nicht viel Kontakt
untereinander. Papst Gregor vereinheitlichte die Texte und den Ablauf der Messe
und legte sie fest. Der Aufbau einer Messe in Katholischen Kirchen ist bis heute
noch so ähnlich, wie er ihn damals festgelegt hat.
Um 800, 200 Jahre später, fand die Krönung von Karl dem Großen statt. Zu dieser
Zeit gab es in ganz Mitteleuropa viele Sängerschulen. Die Ausbildung eines
Sängers dauerte zehn Jahre, da die Sänger ein sehr großes Repertoire an Liedern
benötigten, die sie aber alle auswendig singen mussten, es gab ja keine
Notenschrift. Die Texte der einzelnen Lieder wurden mit der Zeit sehr groß
aufgeschrieben und in die Mitte der Sänger gelegt, sodass diese nur noch die
Melodien dazu wissen mussten, den Text konnten sie ablesen.Die einzelnen
Sängerschulen hatten teilweise völlig verschiedene Arten zu singen und den Text
der einzelnen Lieder umzusetzen, da sie von verschiedenen Kulturen beeinflusst
wurden. Karl der Große ließ sich aus diesem Grund die besten Sänger aus ganz
Mitteleuropa schicken, ließ sie ausbilden und schickte sie nach der Ausbildung
wieder aus, um im ganzen Land einen einheitlichen Gesang zu haben. Das war
eigentlich eine kulturelle Diktatur.
Bei der Ausbildung der Sänger mischte Karl der Große die schon bestehenden Arten der
Musik und fügte Neues hinzu. Das erschwert uns heute sehr die Musik von davor zu
erforschen.
Trotz der Schwierigkeiten gibt es Gesänge aus der vorchristlichen Zeit:
Hörbeispiel:
- Kirchentonart: mixolydisch
- Wechsel zwischen Chor und einer Solostimme
- einstimmig (wie alles zu dieser Zeit)
Es konnte auch sein, dass solche Lieder nur von einem Chor, nur einer
Solostimme, oder auch von zwei Chören gesungen wurden.
Auch ein Stück aus der Zeit vor der Vereinheitlichung durch Karl den Großen
konnten wir hören (ca 4. Jahrhundert). Es war aus einer der Kirchen aus dem
syrisch-jordanischen Raum:
Hörbeispiel:
- ein Grundton, der sich durch das ganze Stück zieht
- eine Solostimme darüber
- klingt sehr arabisch
- Kirchentonart: phrygisch
Es wurde ständig Neues komponiert, die Musik wandelte sich ständig, wobei aber
keine Komponistennamen bekannt waren, da die Musik einfach für Gott und die
Kirche gemacht wurde, es war nicht wichtig, wer sie komponierte.Mit der
"Erfindung" der Notenschrift änderte sich das. Der erste Komponistenname war der
einer Frau. Es war Hildegard von Bingen, die schon in etwas modernerer Form
komponierte. Die Stücke waren trotzdem noch einstimmig, hatten aber einen
größeren Tonumfang und mehr Sprünge.
Hildegard von Bingen war in einem Frauenkloster. Klöster hatten in dieser Zeit
den Vorteil, dass man dort versorgt war und Zugang zu Bildung hatte. Für Frauen,
die verwitwet waren und nicht heiraten wollten, waren die Klöster eine
Möglichkeit gut zu leben. Da solche Frauen ihre Mitgift auf die Klöster
mitbrachten, finanzierten sie oft nicht nur das Frauenkloster, sondern auch das
Männerkloster, dem sie angeschlossen waren. Hildegard von Bingen gründete ein
selbstständiges Frauenkloster, was den Abt des Männerklosters natürlich wenig
freute, da das eine finanziell sehr schwierige Lage für das Männerkloster
bedeutete. Trotzdem konnte diese Frau ihre Idee durchsetzen.
Irgendwann fingen die Menschen an sich Punkte und Striche über Liedtexte zu
zeichenen, nach denen sich die Melodie teilweise richtete. Es war ein
Hilfsmittel,eine Gedächtnisstütze und daraus entwickelte sich die allererste
Notenschrift, die aus Neumen (von griechisch noema: Wink, Hilfe) besteht. Aus
den Neumen entwickelten sich die Quadratnotation der Choralnotation (siehe Kopie).
Aus den Anfänge der Notenschrift mit Neumen kann man keine Melodien
rekonstruieren oder nur annäherungsweise. Manchmal konnte eine Neume für nur
einen Ton, manchmal für eine ganze Notengruppe stehen.
Guido von Arezzo (um 992-1050) hatte das erste Mal die Idee eine Linie zu
ziehen, um die er die Neumen positionierte. Sie wurden darauf, darunter, oder
darüber geschrieben und man konnte die Melodien so leichter lesen. Nach einiger
Zeit fügte Guido noch eine zweite Linie dazu. Er färbte diese zwei Linien, die
f-Linie war rot und die c-Linie war gelb. Die zwei Linien hatten einen
Quartabstand, die Choräle wurden im Quint- bis Oktavabstand gesungen. Zu dieser
Notenschrift kamen bald noch zwei Linien dazu und daraus entstand unsere heutige
Notenschrift.
Noch einige Begriffe:
adiasthematische Neumen - Neumen ohne Linien geschrieben
diasthematische Neumen - Neumen auf Linien geschrieben
Bei Messetexten:
Ordinarium - Texte, die einheitlich sind, in jeder Messe an der
gleichen Stelle vorkommen
Proprium - Teile, die je nach Tag und Fest wechseln